Aus Kriegsgegnern werden Freunde fürs Leben

Aus Kriegsgegnern werden Freunde fürs Leben

Die Geschichte der Nachkommen von Helmut Müller (Schefasch) und Marcel Guicheteau

In der französischen Kriegsgefangenschaft muss Helmut Müller (hinten Mitte) auf dem Hof der Familie Guicheteau in Maran arbeiten. Schnell gewinnen beide Seiten Vertrauen (Fotos Privat)

Helmut Müller (rechts) spielt mit Marcels jüngstem Sohn Joel (Fotos Privat)

Alles begann im Zweiten Weltkrieg mit der Geschichte von Helmut Müller aus Lixfeld und dem Franzosen Marcel Guicheteau. „Marcel war gerade einmal zehn Jahre, als er den Ersten Weltkrieg in seiner Heimat Marans nahe der französischen Hafenstadt La Rochelle miterlebt hat“. Ein Alter, in dem er empfänglich ist für die alte Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen, die durch diesen Krieg nur noch weiter genährt wird. Und auch 25 Jahre später sind es erneut die Deutschen, die einen noch verheerenderen Krieg anzetteln und diesen wieder nach Frankreich trugen. Wer wollte es Marcel da verübeln, wenn er, der zwei Weltkriege miterlebte, Vorbehalte gegenüber den teutonischen Nachbarn hätte? So mag auch Helmut Müller gedacht haben, als er 1945 in Kriegsgefangenschaft die Frage Marcel Guicheteaus vernahm:

Gibt es hier einen Schmied?“

Obwohl Helmut Müller, der nur wenige Monate vor Kriegsende mit gerade einmal 18 Jahren als Flakhelfer der deutschen Luftwaffe in La Rochelle eingesetzt wurde, genau jenen Beruf erlernt hatte, blieb er ruhig und rührte sich nicht. Erst ein Mitgefangener konnte ihn dazu überreden, sich doch noch zu melden und mit dem Franzosen mitzugehen. Mâitre Marcel setzte gegen den Willen der französischen Militäradministration durch, dass Helmut Müller abends nicht ins Gefangenenlager zurück musste, sondern bei der Familie Guicheteau übernachten durfte. Weil ein Schmied gesucht wurde, entwickelte sich ein enger Kontakt

Er saß beim Essen mit am Familientisch, schlief im Haus der Guicheteaus, bewährte sich als Schmied und gewann mit seiner Offenheit und Zuverlässigkeit das Vertrauen seiner Gastgeber“ erinnern sich die Kinder Helmut Müllers.

Doch auch die Guicheteaus erwiesen sich entgegen Helmut Müllers Befürchtungen als Menschen, die in ihm mehr sahen, als eine kostenlose Arbeitskraft und den ewigen Erzfeind Frankreichs. Das spornte ihn an: Er arbeitete fleißig, lernte sogar die französische Sprache und wurde wie ein Sohn der Familie behandelt. So kam es denn auch, dass Marcel ihm im Dezember 1947 zugestand, zu Weihnachten nach Hause zu seiner Familie ins Hinterland zu reisen. „Helmut, ich kann verstehen, wenn du nicht zurückkehren wirst. Ich werde dich nicht verraten“, erzählte Helmut Müller später seiner Familie, was Mâitre Marcel ihm mit auf den Weg gab. Entgegen allen Erwartungen kehrte Helmut Müller nach den Feiertagen jedoch zurück nach Frankreich und blieb dort bis zum Ende der festgesetzten Kriegsgefangenschaft im September 1948.

Danach dauerte es 15 Jahre, bis Helmut Müller mit seiner eigenen Familie und denen seiner beiden Schwestern aus Lixfeld erneut nach Frankreich reisten und dort auch die Familie Guicheteau besuchten. 15 Jahre, die die freundschaftlichen Bande zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern nur haben stärker werden lassen. In den folgenden Jahrzehnten besuchten sich beide Familien immer wieder gegenseitig, mal kamen die Franzosen ins Hinterland, mal reisten die Deutschen nach Marans. Selbst die Kinder und Enkel beider Familien pflegten die Freundschaft weiter, telefonierten zu Weihnachten und sind füreinander da. So auch 1973, als sich Yves, der älteste Sohn Marcels telefonisch bei Helmut Müller meldete und danach erkundigte, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, seine Tochter Catherine während des Sommers irgendwo in der Müller-Familie unterzubringen. Sie wolle deutsch lernen, nicht nur aus Büchern und Kursen, sondern praktisch im Land. Helmut Müller musste nicht lange überlegen und schlug seine Nichte Susanne Schäfer aus Lixfeld vor, die nur zwei Jahre jünger war als Cathrine und stellte den Kontakt her. Fortan verbrachte Catherine Jahr für Jahr die Sommerferien in Lixfeld bei Susanne und lernte dort nicht nur deutsch, sondern begann sogar, den Dialekt nachzusprechen. „Im Dorf war sie als die hübsche Gauloises-rauchende Französin mit den hennaroten Haaren bekannt, die die Begeisterung der Dorfjugend für die Woodstock-Band Crosby, Stills, Nash & Young weckte und zahlreiche Verehrer hatte“. So manch Jüngling verdrehte sie so sehr den Kopf, dass die Lixfelder mehrmals zu Besuch in Paris bei ihr waren.

Als Helmut Müller im Sommer 1990 zusammen mit seinen Kindern und Enkelinnen wieder zu Besuch in Marans ist, war es das letzte Mal, dass er seinen alten Freund und Lehrmeister Marcel sah, denn der starb knapp zwei Jahre später. Doch auch nach Marcels Tod und dem seiner Ehefrau Marthe riss die Freundschaft der Familien keineswegs ab. Marcels Kinder kamen sowohl zur Goldenen Hochzeit von Helmut und Hedwig Müller, als auch zum 80. Geburtstag Helmut Müllers nach Simmersbach. Nur als Helmut Müller am 7. Juli 2017 starb, konnten sie nicht bei der Beerdigung dabei sein. Dafür kamen sie im September, legten sogar eine Gedenktafel für den väterlichen Freund nieder und besuchten seine Kinder, Enkel und Verwandten in Simmersbach und Lixfeld, wo vor allem Catherine viele Freunde aus ihrer Jugendzeit wiedertraf. Dabei sei ihnen eines klar geworden: Mit dem Tod ihrer Eltern und Großeltern ist eine Ära zu Ende gegangen, eine Zeit gelebter menschlicher Nähe und Verständigung, die allen negativen Erfahrungen der Vergangenheit zu trotzen imstande war.

Und daran wollen wir auch künftig festhalten und uns dieses Wunders erinnern, das aus dem Leid des Kriegs erwachsen ist“, erzählten die Kinder von Helmut Müller. Auch, um anderen Menschen zu zeigen, „dass es in unserer Hand liegt, wie wir mit anderen umgehen. Das sei gerade in der heutigen Zeit wichtiger denn je, da sich immer mehr Menschen abschotteten und Ressentiments gegenüber anderen pflegten.

Es ist von beiden Familien geplant, im Sommer 2020 ein großes Familienfest der Nachkommen der Müllers und Guicheteaus in Marans zu feiern. Denn dann wollen sie gemeinsam diese besondere deutsch-französische Freundschaft zwischen Helmut Müller und Marcel Guicheteau feiern.

Quelle 25.02.2018 – www.mittelhessen.de – Sascha Valentin  Fotos Privat