Grenzstreitigkeiten 1748

Grenz und Grenzstreitigkeiten 1748

Aus der Geschichte des Breidenbacher Grundes

Grenzen und Grenzstreitigkeiten sind zwei in der Menschheitsgeschichte der besitzenden unlöslich miteinander verbundene Begriffe. Wo der eine Besitzansprüche stellte, pflegte sich der andere umso häufiger zu beklagen, je weiter die Bevölkerungsdichte zunahm und sich der Übergang aus Nomadenstämmen zu seßhaften Geschlechtern vollzog. Schon die Bibelstelle, 5. Mose 19, 14 weist darauf hin, daß man mit der erzväterlichen-friedvollen Lösung des Konflikts :“Willst Du zur Rechten so will ich zur Linken“ nicht mehr auskam, sondern diesbezügliche gesetzliche Vorschriften erlassen mußte. Die Germanen begruben den Grenzfrevler in ihrem Zorn bei lebendigem Leibe, sofern sie sich nicht durch Annahme mildernder Umstände dazu bewegen ließen, ihn nur mit der Pflugschar den Kopf abzuschneiden. Der noch teilweise erhaltenen Volksaberglaube, wonach der Ackerbodendieb nach seinem Tode als Gespenst mit Hacke und Schaufel ruhelos umherwandern muß, läßt den Schluß zu, wie tief man einen derartigen Menschen in alten Zeiten verabscheut hat.

[Die in dieser Zeit erfreuliche Tatsache über den Fortschritt der Vermessungskunst und der genauen Festlegung ihrer Ergebnisse und Resultate in Grundbüchern und Flurkasten zu verdanken hat. Die jedem zugänglichen und beweglichen Grenzsteine sind in Ihrer Bedeutung und Wertschätzung erheblich gesunken, Grenzprotokolle, Regesten und Flurbegänge überflüssig geworden. (Über das Steine setzen schreibt Dr. Justinus Gogler, Frankfurt a. Main 1569: Jeweils die Steinsetzung zur underscheydung der Feldtgüter gantz notwendig und auch daran merklich gelegen ist, auf daß dann damit ordentlich und gebührlich gebaret werde. So ordnen du setzen wollen wir ernstlich die selbigen durch niemand anders dann die dazu verordnete und geschworene Landschiedere oder Feldtgeschworene geschehen und sonst niemand führnemmes einige Schiedssteine zu vortheil heimlich einschleiffen soll.“ (Kapitel über Landrecht)]

Grenzstreitigkeiten unter Ländern oder Statten wurden durchweg mit Waffengewalt ausgetragen. Wenn einzelne Dörfer sich über Mein und Dein nicht einigen konnten, gab’s mitunter schon mal blutige Köpfe, aber keinen Toten.

In jedem Gemeinderegister finden sich über Grenzstreitigkeiten hinweisende Akten und Urkunden.

Im Jahre 1748, als der Große Friedrich damit beschäftigt war, die Prozeßkosten erster Instanz aus seinem Handel mit Maria Theresia einzuziehen, ließ sein Ruhm die Gemeindeväter von Lixfeld nicht ruhen. Sie suchten und fanden ihr „Schlesien“ in einem den Simmersbacher gehörigen Stück Land dritter Güte, das, in Form eines gleichseitigen Dreiecks von ca. 400 m Seitenlänge, mit einer Spitze am Treffpunkt der Nassau Dillenburg – Simmersbach –Lixfelder Grenze, dort wo der Bizialweg (Vizinalweg — (veraltet): Verbindungsweg zwischen zwei Orten; Nebenweg im Ggs. zum Hauptweg) von Hirzenhain auf die Verbindung Oberhörlen Simmersbach stößt, gelegen war. Die beiden anderen Ecken lagen an der Ostseite des Hornberggipfels und am Scheitelpunkt der Gemarkungsgrenzen von Oberhörlen, Simmersbach und Lixfeld. Worauf sie ihren Anspruch stützen, wissen wir nicht, etwas schriftliches hatten sie jedenfalls nicht aufzuweisen. Dieser Umstand hinderte sie jedenfalls nicht, die Klage beim Amtmann Melchior in Breidenbach anzubringen. „Was“ schnaubte der, „seid ihr denn schon wieder mal da?!“ (Vor ein paar Jahren hatten sie einen ähnlichen Streit mit Oberhörlen). Am liebsten hätte er sie hinausgeworfen, aber der eine Abgesandte sprach von Biedenkopf und Gießen, ein anderer von Darmstadt und ein dritter von Wetzlar. Da nahm er sie dann knurrend zu Protokoll. Von diesem Tag an waren die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Dörfern abgebrochen. Wo sich gerade Gelegenheit bot, kam´s zu bösen Worten und anzüglichen Redensarten, die natürlich zumeist in der üblichen Keilerei ihren Abschluß fanden, und die Simmersbacher Schulbuben mußten in diesem Sommer oftmals mit leerem Körbchen aus den Beerengründen zurückkehren, weil sie die kostbare Zeit dazu benutzt hatten, handliche Steine zu sammeln, um sich der Lixfelder Konkurrenz zu erwehren. Oder es war umgekehrt. Der unterlegene Teil aber pflegte sich den Rückzug mit dem obligaten Beerenschlachtgesang zu versüßen:

Ze, ze, ze; aich hunn mei Körbche voll,

Berrn wai e Plucksroad, e Simmersbächer

( Lixfelder ) Unfloat wärd net soat.“

Ze, ze, ze; aich hunn mei Körbche voll,

Berrn wai e Plucksroad, e Simmersbächer

(‒ Lixfelder‒ ) Unfloat wärd net soat.“

Wer am wenigsten Spaß am ganzen am ganzen Streit hatte, das war der Amtmann Melchior. Nach einigen Überlegungen packte er die inzwischen angehäuften Akten pro und contra ein und sandte sie vertrauensvoll dem Oberamt Gießen. „Soll mich mal wundern,“ dachte er, „wie das ausgeht!“ Es dauerte nicht lange, da hielt er mit süß-saurer Miene folgenden Brief in den Händen und war gerade so klug wie zuvor:

Guter Freund !

Wir haben Euren in Sachen der Gemeinde zu Lixfeld, Erbs Breydenbach entgegen der Gemeinde zu Simmersbach unterm Vorgestrigen dato anhero erstattenen Bericht empfangen und verlesen. Ob nun zwar bei uns von Beyden Theilen hier anliegende recte Vorstellung und attentaten Klage producired worden, und Euren angeblichen Bericht vom nicht erhalten. Nachdeme aber diese aber noch zu Zeit anhero nicht erwachsen, sondern vors Amt gehörig ist; So befehlen wir hiermit, daß Ihr darinnen schleunige rechtliche Verfügung Thut, und zugleich Beyde Theile sich aller Thätlichkeiten zu enthalten. Bey einer nassauischen . . . . . . . . erwartet, allenfalls auch.

Die aufm strittigen Stück stehenden Früchte bis zur ausgemachten Sache Sequestrieren (beschlagnahme, zwangsverwalten) lasset, Versehen mit Gießen, den 8. August 1748.

An den Ambts Schultheiß Melchior

zu Breydenbach“

Guter Freund !

Wir haben Euren in Sachen der Gemeinde zu Lixfeld, Erbs Breydenbach entgegen der Gemeinde zu Simmersbach unterm Vorgestrigen dato anhero erstattenen Bericht empfangen und verlesen. Ob nun zwar bei uns von Beyden Theilen hier anliegende recte Vorstellung und attentaten Klage producired worden, und Euren angeblichen Bericht vom ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ nicht erhalten. Nachdeme aber diese aber noch zu Zeit anhero nicht erwachsen, sondern vors Amt gehörig ist; So befehlen wir hiermit, daß Ihr darinnen schleunige rechtliche Verfügung Thut, und zugleich Beyde Theile sich aller Thätlichkeiten zu enthalten. Bey einer nassauischen . . . . . . . . erwartet, allenfalls auch.

Die aufm strittigen Stück stehenden Früchte bis zur ausgemachten Sache Sequestrieren (beschlagnahme, zwangsverwalten) lasset, Versehen mit Gießen, den 8. August 1748.

An den Ambts Schultheiß Melchior

zu Breydenbach“

Daraufhin ergriff nach reiflichen Überlegungen Herr Melchior wieder den Federkiel und entschied:

Actum Breidenbach, den 20ten August 1748

In Sachen der Gemeinde Lixfeld

Contra

Die Gemeinde Simmersbach.

Bescheidt

Auf Klage und Antwort so dann den Merianischen abriß, grentz-beschreibungen befundenen Umständen nach, wie der Quest. Orth am Hornberg zwischen diesen 3 Stücken mit N-O-P-notariat; daher gehalten daß solcher in der Simmersbacher terminey liegen mithin die Lixfelder. Wenn sie einige Stücke darinnen als Eigenthum praetendieren (Anspruch erheben)

Sie solche Zeigen mit documenten Belegen oder Aufgaben und Beschwörung, daß sie 9 1/2 Morgen beisteuern, ebenfalls also zu behaupten, und als dann die Simmersbacher ihnen solche brauchen zu laßen gehalten und schuldig sein sollen.

V. R. W. Publ. Nt. Supra

H. Melchior“

Actum Breidenbach, den 20ten August 1748

In Sachen der Gemeinde Lixfeld

Contra

Die Gemeinde Simmersbach.

Bescheidt

Auf Klage und Antwort so dann den Merianischen abriß, grentz-beschreibungen befundenen Umständen nach, wie der Quest. Orth am Hornberg zwischen diesen 3 Stücken mit N-O-P-notariat; daher gehalten daß solcher in der Simmersbacher terminey liegen mithin die Lixfelder. Wenn sie einige Stücke darinnen als Eigenthum praetendieren (Anspruch erheben)

Sie solche Zeigen mit documenten Belegen oder Aufgaben und Beschwörung, daß sie 9 1/2 Morgen beisteuern, ebenfalls also zu behaupten, und als dann die Simmersbacher ihnen solche brauchen zu laßen gehalten und schuldig sein sollen.

V. R. W. Publ. Nt. Supra

H. Melchior“

Darob gab es im Lixfelder Gemeindeamt lange Gesichter: Schwören? Nein, dazu war das Objekt den doch zu de . . . eckig. Und so nahm der Streit am Hornberg ein Ende wie das sprichwörtliche „Hornberger Schießen.“

In den Oberhörlener Wiesen, zwischen Knechts- und Galgenberg liegt die Wiege eines Bächleins, das zunächst, wie alle seine Geschwister, gar unscheinbar zwischen Halm und Gras dahinrieselt. Nachdem es nun, durch weitere Quellen gestärkt, die ersten Meter seines Lebens zurückgelegt hat, konnte es noch vor hundert Jahren (Vereinsblatt des Geschichtsvereins vom 3. Dez. 1908) sogar einen großen Fischweiher der Herren von Breidenbach mit genügend frischem Wasser versehen. Ein paar Steinwürfe weiter wird es, auf der Simmersbacher Höhe angelangt, vor eine schwere Entscheidung gestellt. Vor sich sieht es eine Anhöhe, links und rechts lockt ein Tal. Es hat die schwere Wahl, zwischen Nassau und Hessen, Simmersbach-Dietzhölz und Perf. Endlich, nachdem es sich lange besonnen, zieht es vor, sich nordöstlich zu wenden, denn da bleibt es länger sein Herr ‒ Breidenbach ist von mehr wie noch einmal soweit wie Eibelshausen. Damit waren jedoch die Simmersbacher ‒ lang ist´s her ‒ nicht einverstanden. Sie zogen hinauf mit Hand- und Spanngerät und gruben dem Bächlein, wie weiland Alarichs Westgoten, ein neues Bett nach ihren Wiesen zu. Auf der anderen Seite aber schichteten sie einen Damm auf, und es war erreicht. Der Oberdietener Eberbachmüller, dessen Mühle ehemals in der Nähe des Rother Weges stand, war der erste, der Unrat witterte und Lärm schlug. Daraufhin zogen auch die Männer von Oberdieten talaufwärts und rissen den Damm entzwei, und das so oft, als ihn die von Simmersbach wieder erneuerten. Endlich war man müde des grausamen Spiels und teilte sich brüderlich in das Bächlein. Aber das „Streitwasser“, wie es von da hieß, hat immer noch eine Vorliebe für den „Grund“, es schenkt ihm den größten Teil von seinem segenspendeten Naß. Weiter abwärts in Richtung Oberdieten legt es diesen Namen ab und nennt sich Diete.

Die Leute von Roth ließ dieser Krieg kalt, denn sie sahen ein, daß das Streitwässerchen niemals dazu zu bewegen wäre, ihren Wiesen zuliebe den Berg hinauf zu klettern. Sie hatten auch ohnehin schon genug Scherereien mit der lieben Nachbarschaft, deren Schafe und Kühe wie versessen gewesen sein müssen auf die süße Weide in ihren Grenzmarken. Denn es verging, wie aus dem Protokollbuch ihres Gerichts ersichtlich ist, kaum ein „Ungeboth zum Roith“, ohne daß gegen einen Hirten aus der Umgegend hätte Klage erhoben werden müssen. So lesen wir unterm

20. Oktober 1660: „Die Gemeinde Roith zeuget mit Rüge an, daß die Gemeinde Achenbach ihren pferch uff den breiten Ehrlen Uff der Winckel Ecke Wegk getragen haben uff ihrem gutt – – – – „

20. Oktober 1660: „Die Gemeinde Roith zeuget mit Rüge an, daß die Gemeinde Achenbach ihren pferch uff den breiten Ehrlen Uff der Winckel Ecke Wegk getragen haben uff ihrem gutt – – – – „

Am 2. Juni 1672 „Die Gemeinde zeiget mit Rüge an, der Scheffer zu Achenbach Adam Blöcher auf der Gemeinde Roith ihren Wießen mit den Schafen gehütet hat“

Am 2. Juni 1672 „Die Gemeinde zeiget mit Rüge an, der Scheffer zu Achenbach Adam Blöcher auf der Gemeinde Roith ihren Wießen mit den Schafen gehütet hat“

Am 29. September 1672: „Der Schütz zeuget mit Rüge an den Steinbrücker Schefer Arnolt zu Ebersbach daß er mit dem Vieh auf der Röther Feldmarck auf der hindersten Heide zum 2. Mal gehütet habe.“

Am 29. September 1672: „Der Schütz zeuget mit Rüge an den Steinbrücker Schefer Arnolt zu Ebersbach daß er mit dem Vieh auf der Röther Feldmarck auf der hindersten Heide zum 2. Mal gehütet habe.“

Am 27. Oktober 1685: „‒ ‒ ‒ ‒ ‒ wird ferner angezeiget, daß der Kuhhirte Vom Simmersbacher Weygand Tränck mit der Herrte Kühe vor Micheli im untersten Heimbach in der Röther Wießen gehirtet.“

Am 27. Oktober 1685: „‒ ‒ ‒ ‒ ‒ wird ferner angezeiget, daß der Kuhhirte Vom Simmersbacher Weygand Tränck mit der Herrte Kühe vor Micheli im untersten Heimbach in der Röther Wießen gehirtet.“

Mit diesem kleinen Auszuge wird die Geschichte der Grenzstreitigkeiten beendet. Einige ältere Simmersbacher, Lixfelder, Oberhörlener, Eiershäuser und andere Nachbardörfern können von ähnlichen Streitigkeiten berichten.

Autor G. Zitzer, Niedereisenhausen

Quellen Vereinsblatt des „Geschichtsvereins für den Kreis Biedenkopf, 2. Jahrg. Nr. 8 vom 3. Nov. Nr. 9 vom 3. Dez. 1908

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