Die Weihe des Gedenksteins an der Philippsbuche

Was wir lange geplant und mit mancherlei Sogen bedacht hatten, ist nun zu Stand und Wesen gebracht. Treue Hessenherzen hin und her im Land haben mit Geldspenden und ihrer Hände Arbeit den Philippsstein zu seinem Platz unter der alten Buche bei Simmersbach verholfen, und Gottes Güte hat am 11. September 1910, mitten in besorgniserregende Regentage hinein, einen sonnenhellen Sonntag zur Weihe geschenkt.

Wie ein schöner Traum liegt der festliche Tag hinter allen Teilnehmern. Die hohen Wacholder am weithin schauenden Staffelböll, die, wenn ein schweres Wetter gegen den Berg stößt, nicht selten in Flammen stehen, standen im friedlichen Schmuck buntflatternder Bahnen an den Feststraßen des freundlichen Ortes, und Heidekrautgirlanden boten den Festgästen ihre zu Herzen gehenden Willkommensgrüße. Dank den lieben Simmersbachern!

Daß es saures Stück Arbeit ist, über 60 Zentner von der Bahnstation Eibelshausen bis zur Buche hinaufzubringen, haben die Beteiligten auch gewußt; aber es war in der Tat noch saurer als sie‘s sich’s gedacht hatten. Aber nun steht der Stein dort oben im Schatten der Buche, und so leicht wird ihn keiner von seinem Ehrenplatz unter den alten Zeigen herunterholen.
(Anm. Aber leider hatte sich der Justizrat Büff in diesem Falle leider geirrt. Nur 42 Jahre konnte der Stein hier stehen. 1952 musste der Gedenkstein, warum auch immer, hier verschwinden.)

Zunächst Herzensdank und Hessengruß an alle, die unser Werk vollenden halfen, vor allem den Simmersbachern und unter ihnen besonders dem Zimmermann Johannes Geil V. Er ist es gewesen, der nicht nur viel Mühe und Arbeitsversäumnis gehabt hat, um die Angelegenheit unermüdlich zu fördern; ihm gebührt auch das Verdienst, die erste Anregung zur Errichtung des Denkmals gegeben zu haben. Herzlichen Dank auch all den lieben Gebern, die zu den Kosten des Denkmals ihr gespendet haben. Mein Gruß und Dank gilt auch allen Festteilnehmern, die ich gezählt habe, die aber so ungezählt waren, daß zuversichtlich der alten getreuen Buche das Herz im Leibe gelacht hat.
Mit den frohen Festklängen von „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘!“ begann gegen ½ 2 Uhr der Gottesdienst in der kleinen schmucken Dorfkirche. Die Liturgie hielt der Ortsgeistliche, Pfarrer Rehberg, mit Verlesung der Epistel vom 16. Sonntag nach Trinitatis, Epheser 3, 13-21. Der Festpredigt des Pfarrers Balzer von Eckelshausen (Vorsitzenden des Geschichtsvereins Biedenkopf), des verdienten Leiter des Festes, lagen des Landgrafen Philipp Trostspruch: „Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“ (Römer 5, 5)
Und sein Wahlspruch: „Des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit“ (1. Petrie 1, 25)
Zugrunde. Das Lutherlied, gesungen von der Festgemeinde, rahmte die Predigt ein.

Dann ging‘s in langem Zuge, Posaunenchöre voraus, hinauf zum Festplatz. Die Schulkinder, im sonntäglichen Schmuck, gingen zuerst. Junge und Alte aus dem Dorf und dessen näheren und weiteren Nachbarschaft und die Kriegervereine der Gegend mit ihrer Musik folgten. Zahlreiche Festgäste, darunter der Landrat des Kreises und die Vertreter der Geschichtsvereine von Marburg, Gießen, Biedenkopf, Dillenburg und Herborn, machten den Schluß.

Gedenkstein unter der Philipsbuche

Gußrelief am Gedenkstein
Bauer in hessischer Tracht mit einem Bäumchen in der Hand.

Die alte Buche, den noch verhüllten Stein unter sich, hatte ein besonders festliches Gewand angelegt. Über ihren vier Hauptstämmen, zu den sie sich auswächst, war die Rednertribüne mit etlichen Sitzplätzen angebracht, zu der eine bequeme Treppe hinaufführte. Ein wunderbarer, mit Herbstblumen geschmückter Platz! Während der Maurer Heinrich Geil mit seinen Gehilfen dem Stein zu seinem Fundament verholfen hatte, war die Zimmerarbeit dem Zimmermann Johannes Geil V. zu danken. Beide hatten einst die Anregung zu dem ganzen Werk gegeben. Die Festgäste waren, auf kürzerem Wege abschwenkend, zuerst zum Festplatz gelangt und sahen von dort aus dem Zug und seine wallenden Fahnen heranziehen. Ich werde den Ausblick aus der Buche nie vergessen.

„Die Himmel rühmen des ewign Ehre“ spielten die Posaunenchöre, und „Herr Gott, dich loben wir“ sang die große, rund um die Buche versammelte Festgemeinde, zu der ich dann folgende Worte sprach:

Werte Festversammlung!

Gott Lob und Dank für diesen sonnenhellen Sonntag !
Ich grüße alle, die in weihevoller Stunde zu dieser von der Erinnerung geweihten Stätte heraufgekommen sind: aus dem Gotteshaus im Tal unter die alte Buche am Berge.O, wenn diese Buche reden könnte! Geister aus der Zeit frommer Altväter umrauschen uns: Ich will versuchen ihre Sprache zu deuten:Als die alten Simmersbacher meinen jungen Stamm in die Hessenerde senkten, so klingt’s aus der Buche Zweigen, da zitterte noch der Nachklang einer Trauerbotschaft durch die Lande.
Dr. Martin Luther war vor wenigen Wochen gestorben. In der Sorge um sein Evangelium, „dem das Konzil und der leidige Papst so sehr zürnen“, schloß er die Augen, sein ganzes Lebenswerk seinem Deutschen Volke hinterlassend, auch das weltliche Wort: „Deutschland ist ein schöner weidlicher Hengst, der Futter und alles genug hat, aber es fehlt ihm noch an einem Reiter.“Ein volles Jahr nach seinem Tode, im Sommer 1547, gingen der Hessen- und Sachsenfürst in fünfjährige, schmachvolle Gefangenschaft des spanischen Kaisers auf deutschem Throne. Sie haben das Hessenwort von Kreuzburg an der Werra aus den Frühlingstagen des Evangeliums eingelöst:
„Ich will lieber Leib und Leben, Land und Leute lassen, denn von Gottes Wort abweichen“Liebe hessische Landsleute! Was unser Landgraf Philipp hinter den Kerkermauern von Oudenarde und Mecheln alles gelitten hat, das steht auf dem Schuldkonto unsrer spanischen Feinde, für Hessenherzen unvertilgbar, eingetragen.
Was sein Trost gewesen ist, das steht noch heute, von seiner Hand unterstrichen, in seiner in Mecheln gebrauchten Handbibel.
Eingegraben steht dieses Wort auch auf diesem Stein, den wir heute weihen, ihm zum Gedächtnis, errichtet von seinen treuen Hessen.
Vom heiligen Land Tirol singt und sagt das deutsche Lied, sonderlich jetzt in diesen Tagen hundertjähriger Erinnerung an Hofers Heldentod.
Uns Hessen, so rauscht es aus der Buche Zweigen, war sein Land schon lange zuvor ein heiliges. Vor 358 Jahren hat das gute hessische Schwert den Landgrafen Philipp an der Ehrenburger Klause in Tirol aus spanischer Gefangenschaft herausgehauen, den Bekennern des Evangeliums zugleich den Frieden erzwingend.
Schaut dort hinaus, wo die alte Straße von Siegen nach Marburg durch die Heide zieht. Auf ihr ist der befreite Landgraf am 10. September 1552, wie in diesem Jahre an einem Sonnabend, in sein heißgeliebtes Hessenland wieder eingeritten. Hier, wo ich jetzt stehe – sagt die alte Buche – ist er vom Pferd gestiegen und hat die erste Ausschau auf die vor ihm aufsteigenden Heimatberge gehalten.Hier haben ihn seine vier Söhne empfangen, sein Kanzler Heinrich Lersner, Kammerschreiber und Hauptmann von Ziegenhain, Simon Bing, und sein Marschall Wilhelm von Schachten, der schon im folgenden Jahr an der Spitze hessischer Reiter in der Schlacht bei Sievershausen die Todeswunde finden sollte.
Hier standen 100 hessische Arkebusiere als Ehrenwache, und hier grüßte ihn viel Volks aus Stadt und Land, darunter die alten Simmersbacher, die mich, so sagt die alte Buche, zum Gedächtnis dieses Tages gepflanzt haben.
Was mag’s für eine Stunde gewesen sein! In blühender Heide beim Blick auf die alten Hessenberge dort drüben! Graubärte, so erzählt’s die Geschichte, haben gewinnt, als sie dem in der Gefangenschaft zu frühe ergrauten Fürsten zuerst wieder ins Angesicht schauten.
Sein Tag ist vergangen, und auch der unsere wird vergehen wie eine Sommerwolke, aber eines, für das unser Landgraf gelitten hat, wird nicht vergehen:

Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit.“

So stand‘s seit dem ersten Tage von Speyer auf den Feldbinden hessischer und sächsischer Ritter und Reisigen; so steht’s noch heute in großen Lettern über des Unvergessenen Verordnungen, und so haben wir’s auch eingegraben in diesen Gedenkstein, dem Landgrafen Philipp zum Gedächtnis.
Wohl bleibt des Herrn Wort in Ewigkeit, aber wird es auch bei uns bleiben? Höret ein Mahnwort von Dr. Martin Luther: „Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland. Hin ist auch hin; nun haben sie den Türken. Rom und lateinisch Land hat ihn auch gehabt. Hin ist hin: sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung werden ihn nicht bleiben lassen.“
Festgenossen! Unser Stein ist kein Prunkstück. Er soll zu der alten Buche passen, unter der der Schäfer seine Schafe hütet.
Keinem Mächtigen der Erde zeigt sein Bildschmuck, und doch einen Potentaten, einen einfachen hessischen Bauersmann aus Simmersbach, der die zu pflanzende Buche im Arm, seinen Landgrafen und Herrn entgegensieht. Treue, echte Männertreue spricht aus seinem Gesicht, Arbeit reden seine Hände. Im abgelaufenen Sommer hallten viele Proteste gegen päpstliche Schmähungen durch die evangelischen Lande. Den schmähenden ist ihr Recht geschehen; aber das soll uns nicht die Hauptsache sein. Laßt uns Bekenner bleiben, wie es die frommen Altvorderen waren, wie es unser Landgraf Philipp von Hessen war vor Kaiser und Reich. Die Geschichte weiß, daß an dem Bekennungstage von Augsburg viel gesorgt worden ist. Aber sie weiß auch von einem rechten Wort, das der unerschrockene Hessenfürst gefunden hat, als die Reichsstädte anfingen wankend zu werden. Er schrieb’s von Cassel aus an seine zu Augsburg zurückgelassenen Räte: „Zeigt den Städten diese meine Handschrift und sagt ihnen, daß sie nicht Weiber sondern Männer seien. Gott ist auf unserer Seiten. Wir fürchten uns nicht!“ Als Antwort steht auf diesem Stein noch ein drittes Wort, dem Landgrafen Philipp zum Gedächtnis:

„Wenn einstmals in der weiten Welt
die Treu der Klugheit räumt das Feld,
sonst nirgends eine Ruhstatt hätte,
das Hessenland bleibt ihre Stätte.“

Und nun, liebe Festversammlung, ehe die Hülle fällt, noch ein letztes: Dank den lieben Männer aus Simmersbach, welche die Anregung zu unserem Werk gegeben haben; Dank der Gemeinde Simmersbach überhaupt für diesen Tag! Dank den Herzen hin und her im Lande, die unsere Hände mit Gaben füllten, und die ihrer Hände Arbeit in den Dienst des Tages stellten, Dank insbesondere dem Bildhauer, der uns den Bildschmuck geschenkt hat!
So falle denn die Hülle!
In Gottes und guter Menschenschutz befehle ich dieses Werk, möge es fest stehen als Rufer aus Hessen, das jetzige und die kommenden Geschlechter mahnend an das beste deutsche Erbgut – das Evangelium!

Liebe Festgenossen! Es war ein Verhängnis in der deutschen Geschichte, daß in den Tagen der Reformation kein deutsches Kaiserherz auf dem Throne schlug, sondern das Herz eines kalten Spaniers.Lob und Dank! Deutschland, der schöne, weidliche Hengst, hat seinen Reiter gefunden. Wir haben einen Kaiser, der sich zum Evangelium bekennt, bekennt zu Gottes Wort und Gnaden! Schwere Opfer sind für dieses Gut gebracht worden, nicht zuletzt von Hessen, daheim und auf den Schlachtfeldern Frankreichs. Gott segne und schütze den Kaiser! Gott schütze und segne das Reich! Und über Berg und Tal schalle unser Ruf:
Der Kaiser und das Reich unter Gottes Hut
Hoch! Hoch! Hoch!Und alles Volk unter der Buche stimmte mit ein; die Musik spielte „Heil dir im Siegerkranz“ und die Hülle fiel von dem Stein, um den sich die Festgäste drängten, um das Werk des Bildhauers Sautter (Cassel) aus der Nähe zu betrachten.

Entgegennahme des enthüllten Steins durch Bürgermeister Beck
Als das Hoch auf Kaiser und Reich verklungen war, sprach der Bürgermeister Beck von Simmersbach namens der Gemeinde die folgenden Worte:

Hochgeehrte Festversammlung!
Als ein einfaches Bäumchen haben unsere Vorfahren diese hier stehende Buche gepflanzt zur dankbaren Erinnerung an den Tag, da sie ihren geliebten Landesvater nach langer, schmachvoller fünfjähriger Gefangenschaft hier an dieser Stelle empfangen und begrüßen konnten. Von Geschlecht zu Geschlecht haben wir diese Erinnerung treu bewahrt. Forthin soll dieser schlichte Stein Zeugnis geben von dem, was einst hier geschehen ist. Uns wird damit ein langersehnter Herzenswunsch erfüllt. Wie die Gemeinde Simmersbach ihr „Büchelchen“, wie dieser Baum noch heute im Volksmund genannt wird, erhalten hat, so wird sie auch forthin diesen Stein in ihrem Schutz nehmen und als ein geheiligtes Wahrzeichen dem Hessenvolke und Hessenlande allzeit bewahren, das gelobe ich im Namen der ganzen Gemeinde Simmersbach.
Zugleich aber drängt es mich auch, allen denen von Herzen zu danken, die mitgeholfen haben, das Werk zu vollenden. An erster Stelle gebührt unser Dank dem hochverehrten Herrn Geheimrat Büff aus Cassel. Sein Name wird in unserer Gemeinde mit dem Denkstein immerdar verbunden sein.
Weiter danken wir dem Geschichtsverein des Kreises Biedenkopf mit seinem hochehrwürdigen Vorsitzenden, Herrn Pfarrer Balzer aus Eckelshausen, daß er das begonnene Werk so tatkräftig unterstützte und ihm zum schönsten Gelingen half. Sodann gilt unser Dank dem Künstler, der uns in uneigennütziger Weise den Entwurf schuf, dem Architekten, der ihn dabei unterstütze, dem Bildhauer, der die Arbeiten ausführte. Und zuletzt sei auch all denen gedankt, die durch ihre Gaben all dieses ermöglichen halfen, was hier geschehen.
Was uns so anvertraut, wollen wir Simmersbacher als ein heiliges Denkzeichen hüten, wahren und ehren.

Den Toten zum Gedächtnis,
Den Lebenden zur Mahnung,
Den Zukünftigen zur Erinnerung!
Das walte Gott

Und durch die noch frisch grünenden, zum Himmel strebenden Zweige der alten Buche wehte der Sommerwind, und die Festgemeinde sang unter Posaunenschall:

„Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge tut an uns und allen Enden,
Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
Unzählig viel zu gut und jetzt und getan

Und die beiden anderen Verse dazu, deren einer immer schöner ist wie der andere.

Liebe Leser! Ich habe in meinem nun auch schon langen Leben an manchem Platz gestanden, aber kein Platz und kein Dank haben mir so das Herz bewegt wie die mit Herbstblumen geschmückte Stätte über den starken, weithin gebreiteten vier Ästen der alten Philippsbuche von Simmersbach und wie das Dankeswort des Bürgermeisters.
Der gemischte Chor von Simmersbach erfreute uns dann durch seine Lieder, und es folgten noch zwei Ansprachen des Pfarrers Balzer von Eckelshausen und des Pfarrers Kranz von Lixfeld. Jener ließ die Buche erzählen, was alles sie in der Zeiten Lauf an Leid und Freud geschaut und erfahren hatte und dieser mahnte zur Treue, die eines Stammes mit dem Glauben sei.
Als der Tag nun zur Neige ging, trat auch unser Landsmann Heinrich Raumann aus Runzhausen, Kreis Marburg, auf die Rednertribüne und sprach mit bewegter Stimme ein letztes Wort aus den Zweigen der alten Buche, das er, mit Hessentreue überschrieben, für unseren Tag gedichtet hatte:

Ich hab in meinem Heimatland,
Im schönen Lande Hessen,
Einst einen alten Mann gekannt,
Den kann ich nicht vergessen.
Der sagte mir ein ernstes Wort
In jenen schweren Tagen,
Als man den letzten Kurfürst dort
In Cassels Grab getragen:
Mein Sohn, es sei die heil’ge Pflicht,
Sollst Du nach Cassel gehen,
Versäume nicht, vergiß es nicht,
An jenem Grab zu stehen.
Der Stein, der dort die Gruft bedeckt
Sei dir zu allen Zeiten
Ein Denkstein, der dein Denken weckt
An Väter Glück und Leiden.
Als Hessenkind, zur Hessentreu
Laß dich den Grabstein mahnen:
Ist auch die alte Zeit vorbei –
Bleib Hesse wie die Ahnen!“
So sagte mir der alte Mann.
Ich hab sein Wort gehalten
Und schaute oft den Grabstein an – :
Und dachte Treu der Alten.“
D’rum kam ich auch am heut’gen Tag
Zu diesen Feierstunden
Und habe hier bei Simmersbach
Aufs neue tief empfunden:
Die Hessentreue ist kein Wahn ! –
Im Stein hier steht’s geschrieben,
Was dieser Fürst dem Land getan
Ist immer ihm geblieben.
Als treuer Hessen treuer Sohn
Hat er in schweren Tagen
Das Licht der Reformation
Dem Volke vorgetragen.
Jahrhunderte hat dieses Licht
Gestrahlt im sel’gen Glanze,
O Hessenvolk! Vergiß es nicht,
Es ist dir Schutz und Schanze.
Bring dankbar das Gelübde dein
In dieses Denkmals Weihe :
Zu Gottes Ehr – wie dieser Stein –
Fest steht die Hessentreue“.

Bewegten Herzens hörte die Festgemeinde der Stimme aus der Philippsbuche zu, und der gemeinsame Gesang des Niederländischen Dankgebetes, dessen zweiten Vers ich hierher setze, machte den Schluß:

Gott walte, erhalte in Gnaden die Deinen!
Regiere und führe uns, Herr voller Macht!
Auf dich wir vertrauen, auf dein Wort wir bauen,
Du hörst uns, o Gott, dir Dank sei gebracht.

Dann gingen die Festteilnehmer des schönen Festes auseinander. Ich zweifle nicht, daß ein jeder seine Straße fröhlich gezogen ist. „Die schöne Feier“ so schrieb mir unser Landsmann Raumann, „wird mir immer in Erinnerung bleiben. Herzerfrischende Heimatluft umwehte die liebliche Stätte da oben auf dem schönen Berge mit seiner großartigen Fernsicht. Ich werde noch einmal hingehen und ein stilles Stündchen dort verleben.“
Wer möchte sich nicht auch eine solche stille Stunde da oben wünschen?
Ich will aber noch einen anderen Brief hier bekannt geben, der der Echtheit unseres schönen Denkmalsplatzes das Siegel aufdrückt. Wilhelm der Reiche von Nassau, nicht von wegen seines Geldes, sondern eines Kindersegens wegen so geheißen, damals 68 Jahre alt, hat ihn, sieben Jahre vor seinem Tode, am 12. September 1552 aus Dillenburg an seinen Sohn, den berühmten Prinzen Wilhelm von Oranien, genannt der Schweiger, geschrieben. Der Landgraf Philipp von Hessen hätte ihm vom Herzogtum Jülich aus um Paß und Geleit durch das gräfliche Gebiet ersucht, was er ihm gewährt habe. „Also,“ so heißt es weiter, „ist er den 9. September (das war ein Freitag) gegen Abend in Siegen bei mir inkommen, die Nacht verbleibend, sich viel und hoch zur Güte erboten. Des Samstags morgen habe ich Seiner Gnaden, so weit mein Gebiet auf Marburg sich erstreckt, und auf meinen Weg wieder nach Dillenburg gewesen, das Geleit gegeben, da Seiner Gnaden auch fröhlich und guter Ding gewesen.“
Die nassauisch-hessische Grenze lief nun beim Dorfe Simmersbach über den Berg „Staffelbyhl“, wie er in einer Grenzbeschreibung und Karte aus dem Jahre 1526, genannt wird. Ein kurzes Stück hinter dieser Grenze aber, wo die alte Straße sich senkt, und der Blick nach den Hessenbergen sich auftut, steht unsere alte Buche, ein Naturwunder, auch wegen ihrer vier Stämme, die dem Hauptstamm entsprossen sind, als wollte sie die vier Söhne Philipps beweisen, damit freilich zugleich auf die schwermütige Geschichte unseres Hessenlandes.
Unser Landgraf Philipp, lieber Leser, hat in seiner fünfjährigen Gefangenschaft für vieles gebüßt, auch für seine oft beklagte Doppelehe, die Wurzel der verhängnisvollen Landesteilung. Er war kein heiliger. Die brauchen wir Hessen nicht und kennen sie nicht, aber er war doch ein ganzer Mann. „Er hat,“ sagte Luther, „einen Hessenkopf und kann nicht feiern,“ und wir Hessen dulden nicht, daß irgend ein Unglimpf über sein Grab geht.

Autor Geh. Justizrat Büff aus Cassel (Rede wurde vom Geh. Justizrat Büff aus Cassel anlässlich der Einweihung des Gedenksteins im September 1910 gehalten)
Quellen Originaltext aus Mitteilungen aus Geschichte und Heimatkunde des Kreises Biedenkopf, Vereinsblatt des „Geschichtsvereins für den Kreis Biedenkopf“ 4. Jahrgang, 22. Okt. 1910, Nr. 10, 
Originaltext aus Mitteilungen aus Geschichte und Heimatkunde des Kreises Biedenkopf, Vereinsblatt des „Geschichtsvereins für den Kreis Biedenkopf“ 4. Jahrgang, 15. November 1910, Nr. 11

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