Simmersbach im Wandel der Zeiten

Simmersbach im Wandel der Zeiten

Unter dem Datum “Februar 1323” wird Simmersbach erstmalig urkundlich genannt. Knappe Hydenreich von Dernbach und Frau Elisabeth entlassen die Gertrud, genannt Susze von Symmersbach mit ihren Kindern und ihrem Ehemann Gerlach aus der Hörigkeit, so daß sie sich dem Grafen Heinrich von Nassau oder irgend einem anderen dienstbar machen können (Siegerländer Urkundenbuch). Nach einer weiteren Urkunde vom 16. Juni 1339 gibt Graf Heinrich von Nassau den Brüdern Widerhold und Arnold von Hohenstein u. a. “den Zehnten von Symmersbach” zu Lehen.

Die ersten urkundlichen Erwähnungen Simmersbachs sind aber mit der Zeit seiner Entstehung nicht gleichzusetzen. Sie läßt sich auf Jahr und Tag nicht feststellen. Fünf Jahrhunderte ungefähr liegt sie weiter zurück. Das war in der Zeit, als die Franken im jahrzehntenlangen Krieg die Sachsen unterwarfen, also im 8. bis 9. Jahrhundert christl. Zeitrechnung. Das im wesentlichen unbewohnte Land an der Perf, der Dietzhölze und über diese hinaus war den feindlichen Einfällen schutzlos preisgegeben. Zu seiner Sicherung schufen die Franken Grenzmarken und -gaue: den Perfgau (= Breitenbacher Grund) und den Haigergau. An der Dietzhölze als Grenze stießen beide aneinander. Als Zeugen ihre gleichzeitigen Entstehung können ihre Mutterkirchen Breidenbach (Perfgau) und Haiger (Haigergau) -963- dienen. Kirchen und Staat gingen bei der Besiedelung Hand in Hand. Die Franken planten und verhinderten jede willkürliche Dorfanlage, die Kirche führte aus. Die Siedler kamen aus dem Hinterland, waren also vorwiegend Hessensöhne, die zu Gründern der zahlreichen “-bach und -hauen” -Dörfer im weiteren Umkreis wurden. Fast alle auf diese Weise entstandenen Siedlungen und die aus ihnen erwachsenen Dörfer tragen den Namen des ersten Siedlers. Simmer (oder wie er früher ähnlich geheißen hat), der erste Siedler am Bach seines Namens, war der Gründer des Dorfes am Simmersbach. Er wurde zum Stammvater der Simmersbacher.

War der Tausch der alten mit der neu zu erwerbenden Heimat für ihn, seine Familie und seine Nachkommen gut getan? Ringsum Berge und Wälder, Sümpfe in den Niederungen; unwegsam und dazu ein unwirtschaftliches Wetter mit viel Nebel und Regen und wenig Sonnenschein. Wie war’s mit dem Boden? Als Bauern wollten er und seine Nachkommen im Land am Simmersbach doch leben. Einstweilen hieß es, den Wald roden, Acker- und Weideland schaffen. Tausend Jahre sind seitdem vergangen. Es ist alles anders geworden, doch die Simmersbacher sind nach Hessenart sich und ihrem Boden im Wandel der Zeiten treu geblieben. Der zähe Fleiß der Dorfleute, ihr anspruchsloses, bescheidenes Leben haben dem Land und dem Dorf am Simmersbach ihr heutiges Gesicht gegeben. Durch Jahrhunderte bildete die Landwirtschaft die einzige Ernährungsund Lebensgrundlage. Nur mit Mühe konnte dem durch Verwitterung von Schiefer und Grauwacke entstandenen und an hängigen Lagen schwer zugängigen und dazu noch von Natur her nährstoffarmen Boden das tägliche Brot abgerungen werden. Hinzu kam die Unbill der Witterung, Wind und Regen hatten durch die (Simmersbacher!) Senke, die sich von Haiger aus der Dietzhölze entlang zieht, freien Lauf zum Land am Simmersbach. An fast 300 Tagen im Jahr bringt der Westwind regenschwere Wolken (die Hinterländer sagen: Es kommt ein Nassauer), oder der Himmel ist völlig bedeckt. Nur in Trockenjahren liegt die Zahl der Regentage unter 140. In normalen Jahren fallen auf jeden Quadratmeter 850 Liter Niederschläge. Dazu kommt das Sorgenkind Winter: einmal kommt er früh und überrascht die Leute bei der Ernte, ein anderesmal will er im Frühjahr nicht weichen; einmal bringt er monatelang zum alten immer neuen Schnee, oder läßt das Land in Kahlfrösten erstarren. Niemand schaut mehr nach dem Himmel, niemand ist abhängiger vom Segen von oben, als der Bauer. So war es vor allem in der Zeit, als die Dorfleute noch vom Brot aus dem eignen Boden lebten. Allzu oft mußten Jahre mit völligen Mißernten überstanden werden, Dürre- oder Nässejahre, von denen alle im gleichen Maße betroffen wurden. Im Jahre 1629 waren die Früchte schlecht geraten. ,,Dadurch war denn das Elend im Jahre 1630 sehr groß und in allen Teilen des Landes starben Menschen vor Hunger. Man backte Brot aus Eicheln, Hanfkörnern und Wurzeln und doch war der Hunger nicht zu stillen.” 1726/27 drohte bei großer Hitze alles zu verbrennen. ..An vielen Orten war alles so verdorret, daß, wenn man darüber ging, so knisterte und kreinte es. Ja wenn man auf den Wiesen wie auf einem Strohdach geht, ja, so stehet alles ganz jämmerlich.” Im Trockenjahr 1842 wußten die Leute nicht, wie sie den Winter überstehen sollten. Das Heu war verdorben, die Frucht schon im Herbst aufgezehrt. Im Nässejahr 1876 wurden die Bäche zu Flüssen. In anderen Jahren blieben Gerste und Hafer zu kurz, daß sie nicht gemäht werden konnten. Die Körner waren taub. Die Preise stiegen in solchen Jahren ins Unerschwingliche. An das Trockenjahr 1947 kann sich die lebende Generation noch gut erinnern: Wie hart der Winter die Simmersbacher treffen konnte, wird aus dem Jahre 1678/79 berichtet.

Mit starkem Schneefall setzte der Winter ein. Bis zum Frühjahr kam fast täglich neuer Schnee hinzu. Um Weihnachten konnten viele Leute aus ihren Häusern nicht mehr auf die Straße sehen, weil die Fenster vom Schnee zugedeckt waren. Im Januar kam ,,zeitweilig” eine grimmige Kälte hinzu. Wölfe fielen ins Dorf ein und rissen Schafe und Ziegen. Ihr nächtliches Geheul ließ die Leute nicht zum Schlafen kommen. Kinder konnten sich nicht aus dem Hause wagen. Fünf Männer mußten den Pfarrer auf dem Weg zum Gottesdienst nach Roth begleiten, nachdem vorher die Dorfleute einen Pfad getreten hatten. War das die viel gerühmte gute alte Zeit? Alt wohl, ob aber immer gut? Gemischt waren auch in ihr die „schwarzen wie die heiteren Lose”. Die Dorfleute jener Zeit trugen beides als gottgewollt.

Mit gewinnbringenden Bodenschätzen hat der Schöpfer die Simmersbacher spärlich bedacht. Da wäre nur der Dachschiefer (die Alten sagten auch Scheibenstein) zu nennen. Vermutlich sind Simmersbacher Dorfleute die ,,Gründer” der Grube ,,Wolfsschlucht” im Hornberg. Das war Ende des 18. Jahrhunderts. Die Gewinnung brauchbaren Dachschiefers aus dem Innern des Berges zwang zum bergmännischen Betrieb der Grube. Im Laufe der Zeit entstand ein 312 Meter tiefer Stollen. Die Besitzer bzw. Pächter wechselten verschiedenemal. Die Glanzzeit der Grube war um 1880. Damals beschäftigte sie 36 Arbeiter. Ihr Schicksal hing vor allem mit der Schwierigkeit des Abtransportes des Schiefers auf einem 2 km langen Waldweg zusammen. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg versprach der Grube und ihrem Pächter Wilhelm Jakobi eine gute Zukunft. Es kam, wie jeder Simmersbacher weiß, anders. Auf der Grube verunglückten 1880 Heinrich Keller aus Eiershausen – er starb an den Verletzungen – und 1863 Johs. Emmerich aus Hirzenhain tödlich. Das Leitfosil des Wissenbacher und Simmersbacher Schiefers Orthoceras ist den Fachwissenschaftlern weltweit bekannt.

Die Entwicklung Simmersbachs hing von den geschilderten natürlichen Gegebenheiten ab. Ein Jahrtausend hatte es benötigt, um auf den Einwohnerstand von 487 zu kommen (1895). Der Boden selbst und die Art der Bewirtschaftung ließen keine Ertragssteigerung zu. Immer weiter greifenden Rodungen waren Grenzen gesetzt. Ausschlaggebend waren auch die niedrige Lebenserwartung, die bei 35 Jahren lag, die hohe Kindersterblichkeit und die Dezimierung der Einwohnerzahl durch immer wiederkehrende Seuchen. Simmersbach war ein zwischen Nassau und Hessen geteiltes Dorf. Die Grenze lief durch ,,Ludwig Hen Arnolds Haus in den Born, der im Dorfe stehet”. Der Teil unter dem Born, wohl der kleinere des Dorfes, hatte 1447 10 Haushaltungen. 1560 entrissen ihn die Breidenbacher, von Hessen gestützt, den Nassauern. Die Gesamtgröße des Dorfes dürfte bei 20 bis 25 Familien gelegen haben.
Simmersbach hatte

1577 = 29 Haushaltungen,
1629 = 23 Haushaltungen, (Rückgang infolge der Pestzeiten)
1742 = 48 Haushaltungen,
1884 = 475 Einwohner
1895 = 487 Einwohner
1939 = 735 Einwohner
1946 = 982 Einwohner (Zuzug der Ostvertriebenen)
1970 = 1070 Einwohner (Wohlstandszeit!)
1975 = 1100 Einwohner
2000 = ca. 1300 Einwohner (Höchststand)

Simmersbach gehört auf Grund seiner Lage und seiner landschaftlichen Umgebung zum Dietzhölzgebiet. Von dorther wurde es in vielfacher Weise beeinflußt. Als um und nach der Jahrhundertwende die Industrie in diesem Gebiet aufblühte, die Landwirtschaft aber mehr und mehr zweitrangig wurde, weil sie nicht mehr,,rentierte”, suchten und fanden die Simmersbacher dort zunehmend lohnende Arbeit. (S. die Einwirkung auf die Einwohnerzahl 1895–1939!) 1884 hatte das Dorf noch 120 Ackerbauer. 51 Männer arbeiteten auswärts, 8 betrieben ein Handwerk. 1959 pendelten von 193 Arbeitern 167 in das Dietzhölze-/Dillgebiet und 5 ins Hinterland. 1983 liegen (nach mündl. Angaben die Zahlen) bei 240 und 20. Aus dem Bauerndorf wurde eine Wohngemeinde. (Auf den folgenschweren Rückgang der Landwirtschaft, bes. in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, den auch die Umlegung der Gemarkung nicht wesentlich hat hemmen können, kann an dieser Stelle des Raumes wegen nicht eingegangen werden. Man sollte nicht vergessen, was sie unseren Vätern, bes. in Krisenzeiten, bedeutet hat!)

Die Lebensgeschichte eines Dorfes zu schreiben ist eine mühsame, unbeendbare, aber auch dankbare Aufgabe. Viele Bände würde sie füllen. Das gilt auch für Simmersbach, einem Dorf voller Merkwürdigkeiten. Es ist ein schönes, sauberes Dorf. Noch kann der Besucher Zeugen echter hessischer Kunst bewundern:

Schreinasch

Haus “Schreinersch” aus dem 18. Jahrhundert.

Haus “Zrusemanns” aus dem 18. Jahrhundert.

Inschriften: Zimmermeister ist gewesen Johann Henrich Blöcher zu Oberhörle.
Unsern Ausgang segne Gott, unseren Eingang gleichermaßen. Das Geld ist rar, das
Holz ist teuer, darum nimmt man jetzund das alte zu dem neue.
An Gottes Segen ist alles gelegen.
Was Gott uns bescheret aus der Erden, das soll hier eingesammelt werden. Soli Deo
Gloria — Gott allein die Ehre.

 


Haus “Bliewe”

Prächtige Fachwerkhäuser mit Balkenverzierungen, Inschriften und Kratzputz. Leider hat der Ungeist der Zeit auch hier Unwiederbringliches verdorben oder gar vernichtet. Rühmlich sind der Fleiß und die Gastfreundlichkeit der Dorfleute. Friedlich ist ihr Verhältnis zu den Nachbardörfern. Die Tüchtigkeit der Frauen erkannten Eiershausen und Hirzenhain in einer Eingabe an die Landesherrschaft vom 25. 2. 1819 an. Es ging um die Einführung der, Strickschule” für die Mädchen. Da heißt es u.a.: ,,Die Lage unserer Dörfer bringt eine vielfache Berührung mit dem sogenannten Hinterlande …. mit sich. Es verheiraten sich seit langen Jahren die jungen Leute in den beiden Gebieten und hierdurch mag es denn gekommen sein, daß in hiesigen Gemeinden dieselbe Tätigkeit bei Weibern und Mädchen in Verfertigung der Näh- und Strickarbeiten wie im Hessischen eingeführt ist und von jedem kleinsten Kinde erlernt wird …. Unsere Gemeinden stehen deshalb schon auf der Stufe der Emsigkeit, wohin andere demnächst erst kommen sollen.”

Waren die Simmersbacher allezeit friedlich im Verhältnis zu ihren Nachbardörfern? Wenn es um ihre Rechte ging. wußten sie auch zu streiten. 35 Seiten umfaßt das Aktenstück über den Grenzstreit mit Eiershausen. Er zog sich von 1504 bis 1563 hin. Es ging um alte Huterechte beider Dörfer jenseits der Gemarkungsgrenze (Koppelhut). Simmersbach beanspruchte das Weiderecht in der Scheidhecke, Eiershausen ..auf der Heide bis an das Wäldchen, das von bis an das Wasser, die Simmersbach genannt”. Die Schafe wollten sie ,, bis an den Born in Simmersbach treiben und gleich unter dem Dorf pferchen. Der Streit wogte hin und her. Da schlugen die Simmersbacher den Eiershäuser Schäfer, hingen den Schafen die Schellen ab und nahmen sie samt dem Bock mit. Später, als der Simmersbacher Hirte in der Scheidhecke hütete, sein die Eygershäuser gewaltiger Hand zugefahren, den Hirten gefangen nach Eygershausen geführt, solange, bis er Bürgen gestellt hat.” Unter Hera von Blankenstein und Dillenburg und einiger erfahrener Männer und Hirten aus beiden Dörfern kam 1562 ein Vertrag (erneuert 1563) zustande, durch den die Koppelhut in Wegfall kam. Zwistigkeiten sollten in Zukunft freundschaftlich beigelegt werden.

1743, so wird berichtet, ist in der Kornernte ein Tumult zwischen den Simmersbachern und Lixfeldern obig über dem Hornberg entstanden und hat ein Lixfelder einem von Simmersbach mit Namen … mit einer großen Grassense ins Bein bis auf die Knochen gehauen.”
Diese Zwistigkeiten und Streitereien hatten ihre Ursache in längst überlebten Verhältnissen vergangener Zeiten.

Die Zugehörigkeit des Landes und Dorfes am Simmersbach zum Dietzhölze-/Dillgebiet ist unverkennbar. Dagegen treten die Bindungen an das hessische Hinterland weit zurück. Auch die rein menschlichen Beziehungen verknüpfen das Dorf enger mit den Nachbarn – sagen wir im ehemaligen Nassauer Land. Schon 1504 ,,haben die Symmersbacher gestanden, daß sie Nassauer seien nit weniger als die Eygershäuser” und „haben die Symmersbacher öffentlich gesagt, die gehörten dem gnediglichen Graf von Nassau gleich so wohl zu, als die von Eygershausen.” Der Gang der Geschichte machte sie wirklich einmal zu Nassauern. Das war im Jahre 1866, als der Kreis Biedenkopf dem Reg.-Bez. Wiesbaden zugeteilt wurde. Und da Nassau von den Preußen anektiert wurde, mußten sie von nun an preußisch sein. Infolge der Neugliederung Deutschlands im 2. Weltkrieg durften die Hinterländer (und somit auch die Simmersbacher) sich wieder als Hessen bekennen. Die Nassauer gibt es seitdem nicht mehr, sie sind im gleichen Zug Hessen geworden.

„Hesse sein heißt zwar nicht, in einer unbestreitbaren Stammesgewißheit leben, es bezeichnet vielmehr ein Dasein, das von hessischer Eigenart geprägt ist, von der Landschaft — oder besser von dem Wechsel der Landschaften, von der Herrlichkeit hessischer Architektur …, von dem Beheimatetsein in dem untransplantierbaren Herzen Deutschlands. Hesse sein ist eine Art Gottesgnadentum, das den Menschen ohne Ansehen der Person verliehen ist.” (Aus dem Begleitwort zu: Krämer-Badoni, Deutschland, deine Hessen).

Simmersbach im Wandel der Zeiten. Es konnten nur wenige Streiflichter sein. Von Frankfurt hat Goethe gesagt, daß es voller Merkwürdigkeiten ,,stickt”. Das gilt auch von Simmersbach. Wer aber geht ihnen nach, ehe es zu spät ist?

Chronikdaten:

1552 (10.9.): Die Hessen empfangen Landgraf Philipp nach seiner Rückkehr aus Sjähriger Gefangenschaft am Staffelböl. – Pflanzung der „Philippsbuche”.
1910: Errichtung eines Denkmals unter der Philippsbuche.
1963 (Sept.): Die abgestorbene 400jährige Philippsbuche wird gefällt und ein Ableger von ihr neu gepflanzt.
1962: Gründung des Schützenvereins und Bau des Schützenhauses (1966)
1966/67 u. 73/74: Bau der Sportanlage mit Sportheim.
1975/76: Bau der Umgehungsstraße
1975/76: Bau der Hornbergstraße
1977: Abschluß der Umlegung der Gemarkung
1973: Bau der Friedhofskapelle.

1974: Simmersbach tritt der Großgemeinde Eschenburg bei
1977/78: Bau des Feuerwehrgerätehauses und des Bürgerhauses

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