Der Spuk im Hornberg

Der Spuk im Hornberg

Oder wie der Schuster-Hannes so recht das Fürchten lernte

Der alte Schuster-Hannes aus Lixfeld verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Schustergeselle bei einem Schuhmachermeister in Simmersbach. Der etwa drei Kilometer, durch den Hornberg führende Weg war, wie zu dieser Zeit üblich, nur zu Fuß zurückzulegen.. Der Höhenunterschied vom halbhöhig um den Hornberg verlaufenden Holzabfuhrweg zur über den Höhenkamm verlaufenen Straße, war nur mit Hilfe der dafür eigens in den felsigen angelegten Pfad mit Treppenstufen, dem sogenannten „Lixfelder Weellsche“, zu bewältigen.

Dort am hohl getretenen, von Tannen, Buchen und Allerlei Gebüschen umsäumten Treppchen, wo Uhu und Waldkauz zur Nachtzeit ihre schaurigen Rufe von sich geben, sollte es – alten Überlieferungen zufolge – spuken.

Um seine, vom vielen Lederraspeln in der Werkstatt trocken gewordene Kehle zu befeuchten, kehrte der Schuster-Hannes gerne ab und zu auf seinem Nachhauseweg in die Ortseingangs Gaststätte ein. Dort setzte er sich dann zu anwesenden Dorfburschen, um mit Ihnen über das Tagesgeschehen und über Gott und die Welt zu plaudern.

Zu allen Zeiten waren jugendliche zu allen möglichen Späßen und Schabernack bereit. So war es nicht verwunderlich, daß die listigen und zu Schabernack aufgelegten Burschen von Simmersbach, dem Schustergesellen am Biertisch immer wieder Angst bereiteten, in dem sie sagten: „Hannes, host dau kä Angst, owends im donkle durch en Harmark (Hornberg) ze gieh? Beim Weellsche do soll’s doch spuke“

Da Hannes stets mit dem lakonischen Satz „Ihr met auen Späß, dos es doch laurer Leugeschwätz“ von sich wies, machten die Burschen Ernst und heckten eine Plan aus, um dem Hannes eine gehörige Portion Angst einzujagen. Sie beschlossen, eine Spukinszenierung über die Waldbühne gehen zu lassen, an die der ungläubige Hannes sein Lebtag noch denken sollte.

Als Hauptakteur wurde der kleine, drahtige Schneidergeselle Clemens, welcher nur das sprichwörtliche Schneidergewicht von 90 Pfund auf die Waage brachte, ausgewählt. Zur weiteren Rollenbesetzung wurde ein dem Hannes in der Größe entsprechender Bursche bestimmt. Nun wurde bei der Dunkelheit das aufspringen auf den Buckel so lange am Anfang des Lixfelder Weellsche geübt, bis das nächtliche Schauspiel von einem echten Spuk nicht mehr zu unterscheiden war. Endlich war es soweit, an einem stockdunklen Abend wurde dann die Aktion in die Tat umgesetzt.

Clemens, der Schneidergeselle wartete startklar in seiner Position. Das Krächzen eines Waldkauzes, begleitet vom Ruf des Uhu’s, durchdrang jäh die Stille des Waldes.

Endlich! – Clemens hörte, wie der ahnungslose Hannes schnaufend durch Laub und Unterholz daher gestampft kam. Mühsam stieg das völlig ahnungslose Opfer die steile Felsentreppe empor. An einer sehr ausgetretenen hohlen Stelle geschah es dann:

Mit einem tausendfach geübten Sprung hing auch schon das Nachtgespenst auf des Schusters Buckel, klammerte sich um dessen Schulterblätter krampfhaft fest, und blieb dort haften bis der Hannes das Treppchen hinaufhastete und auf die horizontal verlaufene Hornbergstraße ankam. Wo dann Clemens mit einem ebenso geschickten Absprung den Bespukten wieder erleichterte, um im Dunkel der schützenden Nacht wieder zu verschwinden.

Zu Hause angekommen sagte Hannes zu seiner Frau Katrin: „Im Harmark spukt’s wahrhaftich, eich huh ewe e Gespenst of meim Buckel geschleppt, unne vom Treppche bes owe off de hiehe.“

Seit dieser Zeit soll der Hannes aus Angst vor dem unheimlichen Gespenst diese unwegsame Strecke nie wieder bei Dunkelheit gegangen sein, sondern nur noch bei Tageslicht

(So geschehen Ende des 19/Anfang des 20. Jahrhunderts in Simmersbach, aufgeschrieben von Werner Reichel aus Lixfeld)

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